Kosten von Gehirnkrankheiten steigen auf 800 Mrd. Euro während Europa einer „tickenden Zeitbombe“ gegenübersteht, warnt neue Studie vom European Brain Council
(04.10.2011, Pharma-Zeitung.de) BRÜSSEL - Copyright by Business Wire - European Brain Council
Die jährlichen Kosten von Gehirnkrankheiten in Europa sind laut einer neuen Studie, welche die Situation als eine soziale, politische und finanzielle „tickende Zeitbombe“ beschreibt, auf 798 Mrd. Euro angestiegen.
Der im Auftrag des European Brain Council (EBC) erstellte Bericht mit dem Titel „Cost of disorders of the brain in Europe 2010“1 (zu Deutsch: Kosten von Gehirnerkrankungen in Europa im Jahr 2010) argumentiert, dass dieser Betrag mit der längeren Lebenserwartung der Menschen weiter ansteigt und so „jetzt und in Zukunft die bedeutendste wirtschaftliche Herausforderung für den europäischen Gesundheitssektor darstellt“.
Die Zahl - die einer Summe von 1550 Euro pro Europäer entspricht - ist mehr als das Doppelte der Schätzung eines im Jahr 2005 veröffentlichten EBC-Berichts.
„Die zunehmende Belastung und die damit zusammenhängenden steigenden Kosten von Gehirnkrankheiten sind eine tickende Zeitbombe für die europäische Wirtschaft und die Gesellschaft der EU insgesamt“, erklären die Autoren, bevor sie eine bedeutende Aufstockung der Finanzmittel und Ressourcen für die Forschung fordern, um dem Trend entgegenzuwirken.
Die von führenden Epidemiologen und Gesundheitsökonomen erstellte Studie ist umfangreicher als ihre Vorgängerin und stützt sich auf vollständigere Datensätze. Während die vorherige Studie 28 Länder und 12 Befundgruppen abdeckte, wurden diesmal 30 Länder und 19 Befundgruppen einbezogen.
Die angesprochenen geistigen und neurologischen Krankheiten - insgesamt deutlich mehr als 100 - sind sehr unterschiedlich und reichen von Kopfschmerzen, Migräne und Schlafstörungen bis hin zu Schlaganfällen, Parkinson, Psychosen und Demenz.
Sie haben bedeutende Auswirkungen auf die Gesellschaft und mehr als ein Drittel der Menschen in der Region waren auf irgendeine Art betroffen, entweder als selbst Erkrankte oder als Helfer oder Pfleger von anderen Leidenden.
Die „gewaltigen und zunehmenden“ Kosten von Gehirnerkrankungen sind außerdem höher als die anderer vergleichbarer Krankheitsarten wie Herz-Kreislaufkrankheiten oder Krebs. Das European Heart Network beziffert die Kosten von Herz-Kreislaufkrankheiten im Jahr 2008 auf 192 Mrd. Euro in der EU, während die Gesamtjahreskosten von Krebserkrankungen auf zwischen 150 und 250 Mrd. Euro geschätzt werden.
Jes Olesen, Professor für Neurologie am dänischen Kopfschmerzzentrum und der Neurologieabteilung im Glostrup Hospital der Universität Kopenhagen , sagte: „Trotz der überwältigenden Auswirkungen, die Gehirnerkrankungen auf die Gesellschaft haben und der Kosten, welche die von Krebs und Herz-Kreislaufkrankheiten weit übersteigen, ist die Erforschung ihrer Diagnose, Prävention und effektiveren Behandlung noch nicht als eine erstrangige Priorität anerkannt. Diese Studie lässt erkennen, dass die Gehirnforschung weitaus mehr Aufmerksamkeit und einen angemessenen Anteil von Forschungsmitteln verdient.“
Im Jahr 2010 machten die direkten Behandlungskosten von Gehirnkrankheiten - darunter Posten wie Arztbesuche, Krankenhauspflege und Arzneimittel - nahezu ein Viertel (24 Prozent) der gesamten Gesundheitsausgaben innerhalb der EU aus, die für 2010 auf etwa 1260 Mrd. Euro geschätzt werden.
Die indirekten Kosten - darunter Produktionsverluste infolge von Arbeitsausfällen oder unfreiwilligem Vorruhestand - sind eine beträchtliche Summe, die noch dazu kommt.
Zahlen der Weltgesundheitsorganisation bestätigen dies und legen nahe, dass Gehirnkrankheiten 35 Prozent der gesamten Krankheitsbelastung in Europa verursachen.
Während sich die Finanzierung auf der Ebene der Europäischen Kommission zwar deutlich verbessert hat, ging diese von einem sehr niedrigen Anfangsniveau aus. Zwischen 1998 und 2002 wurden nur 85 Millionen Euro für das fünfte Rahmenprogramm (FP5) ausgegeben. Die letzten Finanzierungstranchen der Europäischen Kommission für das FP7 entsprechen mit 381 Millionen Euro gerade einmal 0,05 Prozent der geschätzten Kosten von Gehirnkrankheiten.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Industrie aufgrund der strengeren Regulierung von Medikamenten für das zentrale Nervensystem und enttäuschenden Renditen begonnen hat, sich von der Gehirnkrankheitsforschung abzuwenden. „Die Politik könnte die Verfahren vereinfachen, den bürokratischen Aufwand verringern oder vielleicht die Patentlaufzeiten von Arzneimitteln zur Behandlung von Gehirnkrankheiten verlängern“, so die Studie.
Die Kosten der verschiedenen Krankheiten sind sehr unterschiedlich. Neuromuskulare Krankheiten kosten z. B. jährlich knapp über 30.000 Euro je Patient im während Kopfschmerzen mit 285 Euro zu Buche schlagen.
Schlafstörungen verursachen Kosten von 348 Euro je Patient und Jahr - aber nahezu 45 Millionen Menschen leiden an ihnen, im Vergleich zu 500.000 Menschen, die an multipler Sklerose erkrankt sind und 200.000 Menschen mit Gehirntumoren.
Die jährlichen Gesamtkosten von Stimmungsstörungen - darunter schwere Depressionen und bipolare Störungen - sind mit schätzungsweise knapp über 113 Mrd. Euro die höchsten der 19 Befundgruppen, gefolgt von Demenz mit 105 Mrd. Euro.
Europas mangelnder Fokus auf Gehirnkrankheiten, so die Autoren der Studie weiter, spiegelt sich in den Lehrplänen medizinischer Hochschulen und Bildungseinrichtungen wider, deren Konzepte in vielen Fällen „unangemessen und veraltet sind und an einigen Stellen den Umfang von und die Belastung durch Gehirnkrankheiten völlig außer Acht lassen“. Manche Studenten verbringen gerade einmal 8 Prozent ihrer klinischen Studien in neurologischen oder psychiatrischen Abteilungen.
Die Autoren ziehen brisante Schlussfolgerungen. Sie bezeichnen ihre Kostenschätzungen als „sehr konservativ“ und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als eine Unterschätzung, da bestimmte Daten nicht verfügbar oder vollständig nachprüfbar sind.
Ohne dringende Maßnahmen kann sich die Lage nur verschlechtern.
„Wir müssen hervorheben, dass die Belastung durch Gehirnkrankheiten einfach schon wegen der längeren Lebenserwartung in Europa wahrscheinlich weiter zunimmt“, stellten sie fest. „Wegen der alternden Bevölkerung Europas werden insbesondere degenerative Krankheiten wie Demenz, Parkinson und Schlaganfälle häufiger auftreten, aber auch Angstzustände und Stimmungsstörungen sind bei Menschen in fortgeschrittenem Alter stark vertreten.“
1 Gustavsson, A., et al.
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